NRW, 01.08.2020
Pm maskenpflicht an schulen lvr kapituliert 2020 08 26
Pressemitteilung
Maskenpflicht in NRW-Schulen: Landschaftsverband kapituliert Schüler vom Transport zu Förderschulen und Regelschulen ausgeschlossen. Eltern sollen fahren!
Seit zwei Wochen gilt die strenge Maskenpflicht an Nordrhein-
Westfalens Schulen. Jetzt wird deutlich: In der Umsetzung der
Maskenpflicht lässt das Land einen Teil der Schülerinnen und
Schüler einfach zurück, vor allem in den Förderschulen und trifft
vulnerable Schülergruppen, die keine Masken tragen können.
Einige Kommunen, kirchliche Träger, aber auch der große
Landschaftsverband Rheinland LVR weigern sich, Schülerinnen in
ihren Schulbussen zu transportieren, die behinderungsbedingt
oder krankheitsbedingt keinen Mund-Nasen-Schutz tragen
können. Traditionell werden Schülerinnen der Förderschulen, vor
allem der Schulen für körperlich, geistig oder sinnesbehinderte
Kinder und Jugendliche, in öffentlich finanzierten
Schülertransporten zu ihren oft zehn, zwanzig oder dreißig
Kilometer entfernten Schule gefahren. Für einge Eltern ist der
Fahrdienst ein wichtiges Argument, ihr Kind an der Förderschule
und nicht in einer inklusiven Schule anzumelden.
In der Krise sind diese Versprechungen offenbar nichts mehr wert.
„Seit Beginn der Corona-Krise wird Schülerinnen und Schüler mit
Behinderung immer wieder die notwendige Unterstützung
entzogen, die ihren Schulbesuch erst möglich machen“, kritisiert
Bernd Kochanek, Vorsitzender des Inklusionsfachverbands
Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen NRW e.V.. „Es werden
zusätzliche Barrieren aufgebaut, anstatt kreative und tragfähige
Lösungen für diese Schüler/innen-Gruppe zu schaffen.“ Dass
Kommunen und LVR ihre Leistungen einstellen, sei völlig
unverständlich, zumal es vom Land Ausgleichszahlungen für
coronabedingten Mehraufwand gebe. „Es geht hier zum Teil um
Schülerinnen und Schüler, die seit März nur ein oder zwei Tage in
der Schule waren“.
Zuerst wurde in der vergangenen Woche ein Fall in Bonn öffentlich
bekannt, in dem ein Schüler seine Förderschule nicht besuchen
konnte, weil der Fahrdienst ihn nicht mitnahm. Dann folgte eine
Veröffentlichung über sitzengelassene Förderschülerinnen einer
Schule in Viersen. Auch die Schule In der Widum in Lengerich – in
Trägerschaft der evangelischen Kirche – stellt Schülerinnen
keinen Fahrdienst mehr, wenn sie keinen Mund-Nasen-Schutz
tragen können. Zunehmend erreichen uns Berichte aus vielen
Kommunen und auch von LWL Schulen aus Bochum, die
Schülerinnen aus Dortmund nicht transportieren.
Nun hat auch der Landschaftsverband Rheinland seinen
Förderschulen mitgeteilt, dass er diesen Schülerinnen den
Transport in den eigenen Schulbuslinien verweigert. Der LVR
betreibt allein für Schülerinnen mit körperlichen
Behinderungen 19 Förderschulen und wirbt auf seiner
Homepage damit, 5.000 seiner Schülerinnen wegen ihrer
Behinderung über die weiten Strecken zu den Förderschulen zu
transportieren. Jetzt verweist er in dem Schreiben trocken
darauf, dass er laut Schülerfahrtkostenverordnung des Landes
keine Beförderungspflicht habe. Es sei Sache der Eltern, für den
Schulbesuch ihrer Kinder zu sorgen. Nur in minutiös
begründeten Ausnahmefällen könnten auf Antrag die
tatsächlichen Fahrtkosten erstattet werden.
Betroffene Familien empfinden das Vorgehen des LVR als
massiven Vertrauensbruch. „Der LVR hat es immer als
Selbstverständlichkeit dargestellt, dass unsere Kinder einen
Schulbus zur Förderschule bekommen“, sagt Teresa Massini,
deren Sohn Leon die LVR-Förderschule in Wuppertal besucht,
„da kann es doch nicht sein, dass man das in einer besonderen
Situation einfach einstellt“. In Köln ist eine Mutter völlig
verzweifelt, deren Sohn die LVR-Schule Belvederestraße
besucht. Sie hat bereits die Arbeit verloren, weil sie sich seit der
Schulschließung im März nonstop um ihren autistischen Sohn
kümmert. „Ohne Fahrdienst kann er jetzt immer noch nicht zur
Schule“, sagt sie. Ein Auto hat sie nicht. Und mit Bus und Bahn
kann sie ihn auch nicht zur Schule bringen, weil er die beengte
Situation im öffentlichen Nahverkehr nicht aushält und dann
unkontrolliert zu schreien beginnt.
Die Vorsitzende der Landeselternkonferenz LEK, Anke Staar, ist
fassungslos darüber, wie die betroffenen Kinder und ihre
Familien wieder einmal Diskriminierung erfahren und von den
Verantwortlichen im Stich gelassen werden. „Wozu haben wir
ordentliche Verwaltungen und Regierungen, wenn sie für
solche Situationen keine Lösungen mitdenken und entwickeln,
wie ein Schülertransport für alle möglich gemacht werden kann
und solche Stigmatisierungen verhindern?“
Schulministerin Yvonne Gebauer hält die Praxis der
betreffenden Schulträger und des LVR für rechtswidrig und
sagt, sie habe bereits in intensiven Gesprächen mit dem LVR
darauf gedrungen, dass die Schüler*innen wieder gefahren
werden. Bisher ohne Erfolg. Die Ministerin wundert sich, dass
dem Landschaftsverband Rheinland nicht gelingt, was der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe problemlos organisiere.
Auch der ÖPNV hätte die inklusiven Schüler*innen die keine
Masken tragen können zu transportieren, eine Handhabe hätte
sie aber nicht.
Auch der Elternverein mittendrin e.V. bezeichnet das Verhalten
der betreffenden Kommunen und des LVR als völlig
inakzeptabel. Die Vorsitzende Eva-Maria Thoms fordert ein
Eingreifen der Schulaufsicht: „Diese Kinder und Jugendlichen
haben Schulpflicht und ein Recht auf Bildung. Wenn die
Schulträger sich weigern, sie den weiten Weg zu den
Förderschulen zu transportieren, dann muss ihnen jetzt ein
anderer Schulplatz in unmittelbarer Wohnortnähe angeboten
werden – egal in welcher Schulform.“
Erol Celik (Vorsitzender) Elternnetzwerk NRW Integration
miteinander e.V.
Dr. Aysun Aydemir (Vorsitzende) Föderation Türkischer
Elternvereine e.V. (FÖTEV NRW)
Bernd Kochanek (Vorsitzender) Gemeinsam Leben, Gemeinsam
Lernen e.V. (GLGL e.V)
Anke Staar (Vorsitzende) Landeselternkonferenz NRW (LEK
NRW)
Tanja Speckenbach (Vorsitzende) Landeselternschaft der
Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung e.V.
Eva Thoms (Vorsitzende) Mittendrin e.V.
Dieter Heinrich (Geschäftsführung) Progressiver Eltern- und
Erzieherverband NRW e.V.