NRW, 01.06.2020
Offener verbändebrief bundeskanzlerin merkel
Offener Brief – Diskriminierungsrepublik: Deutschland!
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Liebe Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel!
Es ist schön in Ihren Ansprachen zu hören, dass Sie auch in diesen
Krisenzeiten mit Ihrer Politik „allen einen Lebensraum geben möchten und
keine Gesellschaft der Ellenbogen“ (ZDF) haben wollen. Doch leider dringt
diese Absicht bis zu Kindern und Jugendlichen mit Behinderung nicht
durch. In den Krisenplänen von Bund, Ländern und Kommunen sind sie von
Anfang bis heute nicht bedacht, auch im Konjunkturpaket kommen sie
nicht vor. Anstatt dass sie durch zusätzliche staatliche Angebote
unterstützt würden, werden ihnen von den Behörden sogar bewilligte
Leistungen entzogen. Dabei verweist stets eine staatliche Ebene auf die
andere und redet sich heraus. Wir – als Familien mit Kindern mit
Behinderung und als Vertreterinnen ihrer Verbände – werden in Politik
und Verwaltung wie in einem Pingpong-Spiel von einer Stelle zur anderen
verwiesen.
Im ganzen Land öffnen nach und nach die Schulen, jedoch nicht für alle
Schülerinnen. Wir erfahren von immer mehr Fällen, in denen Schulen
einzeln oder gruppenweise ihren Schülerinnen mit geistigen, aber auch
körperlichen Behinderungen den Zutritt zur Schule verweigern. Unsere
CDU-geführte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen sagt zwar, dass sie
Schülerinnen mit Behinderung in ihrem Recht auf Bildung gleich
behandeln will. Aber da sie dies entgegen unseren Bitten nicht deutlich
und öffentlich kommuniziert, überlässt sie die betroffenen Kinder und
Jugendlichen einer willkürlichen Ausgrenzung. Die Schulen begründen die
Ausschlüsse wiederum mit dem Infektionsschutz und der unhinterfragten
und unwidersprochenen zutiefst diskriminierenden Behauptung,
Schüler*innen mit geistigen Behinderungen seien pauschal unfähig zum
Einhalten der Hygiene- und Abstandsregeln oder sie begründen den
Ausschluss mit einem Bedarf an Pflege.
Diese Ausgrenzung trifft Familien, die durch den langen Ausfall der Schule
und den gleichzeitigen Wegfall sämtlicher Unterstützungssysteme seit
mehr als zwei Monaten völlig auf sich allein gestellt sind, zum Teil mit
einer 24-Stunden-Betreuung mehrfach behinderter und pflegebedürftiger
Kinder und Jugendlicher. Ihnen wird aufgrund der Behinderung oftmals
nicht einmal eine Notbetreuung gewährt, obwohl Eltern systemrelevant
tätig sind. Davon hören wir leider kein Wort von Ihnen!
Die Unterstützung dieser Familien liegt als Sozialrecht in der finanziellen
Abhängigkeit der Kommunen, obwohl es um die Teilhabe an Bildung eht.
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In dieser Situation erleben betroffene Eltern, deren Kinder auf
Unterstützung angewiesen sind, damit sie wenigstens zu Hause lernen
können, dass ihnen längst individuell beantragte und bewilligte
Integrationshilfen in der Krisensituation entzogen oder erneuten
aufwändigen und langwierigen Genehmigungsverfahren unterworfen
werden. Die Kommunen argumentieren, dass Distanzlernen keine Schule
sei und deshalb auch keiner Schulbegleitung bedürfte. Das
Schulministerium versäumt bis heute klarzustellen, dass Distanzlernen
rechtlich ein schulischer Bildungsort ist und fühlt sich gleichzeitig für
Schulbegleitung nicht zuständig, weil die ja dem Sozialministerium
unterliegt. Wie in einem Ping-Pong Spiel wird die Verantwortung
zwischen Land und Kommune und zwischen den einzelnen Ministerien
hin und her geschoben. Unser Brief an den Ministerpräsidenten, diesen
Zustand zu beenden, bleibt bis heute unbeantwortet.
Zusätzlich zeigt sich die lange bekannte Problematik des schwierigen
Dreiecksverhältnisses zwischen Schulrecht, Sozialrecht und kommunaler
Zuständigkeit als Bremse, weil Schulbegleitungen nicht über die
Landesunfallversicherungen versichert sind, wie alle anderen schulisch
Beschäftigten. Dies sind durchaus Folgen der schon vor der Krise
verfehlten Entscheidungen im Bildungs- und Teilhabegesetz, schulische
Teilhabeassistenz nicht der schulischen Verantwortung zu unterstellen,
mit entsprechenden Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards.
In der Krise haben viele Träger von Schulbegleitung ihre Mitarbeiter
entlassen oder ihnen andere Aufgaben erteilt, weil sie von den
Kommunen nur für tatsächlich geleistete Stunden refinanziert werden.
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele Schüler*innen mit Behinderung
im kommenden Schuljahr keine Eingliederungshilfe in der Schule
bekommen werden, weil es dafür kein Personal mehr geben wird.
Es mangelt aber nicht nur an Assistenzen, sondern auch an der
entsprechend medialen Ausstattung. Viele gehörlose und schwerhörige
oder sehbehinderte Kinder und Jugendliche sind z.B. vom digitalen
Distanzlernen ausgeschlossen- es mangelt an Dolmetschern und an
technischen Hilfen. Kinder und Jugendliche mit erhöhtem Risiko sind
gänzlich sozial isoliert. Diese ungeheure Rücksichtslosigkeit der
Gesellschaft und ihrer Institutionen wird besonders sichtbar, wenn wir
auf Pflegefamilien blicken, die bereitwillig Kinder und Jugendliche
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aufgenommen haben, weil Eltern mit der Pflege und Versorgung
ihrer behinderten und pflegebedürftigen Kinder überfordert waren.
Noch dramatischer wird es, wenn bewusstwird, dass Schüler*innen
mit Vorerkrankungen auf unabsehbare Zeit die Schulen nicht
besuchen können und nicht einmal die digitale
Unterrichtsteilnahme ermöglicht wird. Haben Sie diese Kinder und
Jugendlichen einfach vergessen oder warum werden sie schlicht im
Stich gelassen?
Statt dass Hilfen – wie dies für andere Bevölkerungsgruppen
geschieht - nun unkompliziert ermöglicht werden, verschleppen die
Verantwortlichen diese und lassen die Familien im Stich. Ihre Kinder
werden stigmatisiert und ausgegrenzt. Es ist nicht akzeptabel und
hinnehmbar, dass weder bereits bewilligte und in den kommunalen
Haushalten budgetierte Mittel eingesetzt noch notwendige
krisenbedingte Hilfen ermöglicht werden.
Es muss dringend gehandelt werden, um eine Vernachlässigung
junger Menschen mit Behinderung und eine Rückentwicklung
sämtlicher Inklusionsbemühungen der letzten Jahre zu verhindern.
Das Recht auf Bildung und das Recht auf Teilhabe von Kindern und
Jugendlichen mit Behinderung steht auf dem Spiel Wenn Ihr Sorge
um benachteiligte Bevölkerungsgruppen ernst gemeint ist, dann
fordern wir Sie auf, dieses Ping-Pong Spiel der Zuständigkeiten zu
beenden und das politische Gerangel zu stoppen. In der Krise darf
nicht zu Lasten der Schwächsten gespart werden und Hilfen dürfen
nicht den Ermessensentscheidungen klammer Kommunen
überlassen bleiben.
Sorgen Sie bitte mit rechtlichen und finanziellen Mitteln des Bundes
dafür, dass Bildung und Teilhabe nicht dem finanziellen
Zuständigkeitsgezerre zum Opfer fallen. Es braucht Geld und
konstruktives Handeln für angepasste Hygienemaßnahmen,
Reinigungsintervalle, schulische und häusliche Assistenzen,
Testungen, notwendige technische Hilfen und zusätzliche
Räumlichkeiten.
Wir erwarten, dass schnellstmöglich Hilfen bereitgestellt werden.
Sie müssen diese Diskriminierung stoppen und der Bildung für alle
Kinder und Jugendlichen die Notwendigkeit einräumen, die sie hat.
Schule ist mehr als Bildung und Betreuung, sie ist die Basis unserer
Gesellschaft. Wir fordern verlässliche Bedingungen und einheitliche
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Hygienekonzepte zur Eröffnung aller Schulen für alle Schüler*innen
mit und ohne Behinderung, für Betreuungsangebote und zur
häuslichen Unterstützung.
Schule braucht Planbarkeit und Verlässlichkeit für alle Familien und
in dieser Krise die dafür notwendigen Ressourcen, die sich nicht auf
die Digitale Ausstattung beschränken darf.
Wir bitten Sie sich dessen anzunehmen und hoffen auf eine baldige
Rückmeldung. Für Fragen und Gespräche stehen wir Ihnen alle sehr
gerne zur Verfügung und würden Sie gerne zu uns einladen. Das
gelingt auch in Form einer Videokonferenz. Wir hoffen und zählen
auf Ihre Unterstützung.
Mit herzlichen Grüßen
Erol Celik (Vorsitzender) Elternnetzwerk NRW Integration
miteinander e.V.
Dr. Aysun Aydemir (Vorsitzende)Föderation Türkischer
Elternvereine e.V. (FÖTEV NRW)
Bernd Kochanek (Vorsitzender) Gemeinsam Leben, Gemeinsam
Lernen e.V. (GLGL e.V)
Romy Suhr (Vorsitzende) Die Inklusiven e.V.,
Anke Staar (Vorsitzende) Landeselternkonferenz NRW (LEK NRW)
Stefanie Krüger- Peters (Vorsitzende) Landeselternschaft der
Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung e.V.
Jutta Löchner (Vorsitzende) Landeselternschaft der Gymnasien e.V.
Martin Magiera (Vorsitzender) Landeselternverband gehörloser
und schwerhöriger Kinder und Jugendliche NRW e.V.
Mittendrin e.V. Eva Thoms (Vorsitzende)
Klaus Amoneit (Vorsitzender) Progressiver Eltern- und
Erzieherverband NRW e.V.
Ute Cüceoglu (Vorsitzende) Schulbegleitung
Interessengemeinschaft NRW
Dortmund, 7. Juni 2020
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