NRW, 14.09.2018
Empfehlungsschreiben schulmilchnrw
Empfehlungsschreiben zum Schulmilchprogramm in NRW | September 2018 | Seite 1 von 4
Empfehlungsschreiben zum Schulmilchprogramm in NRW Im September 2018 Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat angekündigt, das Schulmilchprogramm bis zu den Herbstferien 2018 zu evaluieren. Wir bitten diese, das Programm so zu verändern, dass in Zukunft keine Milchprodukte mit zugesetztem Zucker mehr an den Schulen und Kindergärten gefördert werden. Die gesunde Ernährung sollte zum Beispiel über eine ausgewogene Mittags- verpflegung und ausreichend Obst und Gemüse an den Einrichtungen sichergestellt werden.
„Seit 10 Jahren stagniert das Kinderübergewicht in Deutschland auf hohem Niveau, deshalb sollten
alle Ressourcen genutzt werden, Kinderübergewicht vorzubeugen. Die Verteilung gezuckerter Schul-
milchen in Lebenswelten von Minderjährigen (Kita und Schule) ist antiquiert und schädlich für die
Gesundheit der Kinder – sie sollte nicht mehr gefördert werden. Trotzdem scheint in der Wahrneh-
mung der Landesregierung NRW weiterhin das gesunde Image der ‚Schulmilch‘ vorzuherrschen –
dabei wird Milch pur nur wenig getrunken. Die WHO empfiehlt seit 2015, auch die Werbung für ge-
zuckerte Milch an Kinder und Jugendliche zu verbieten1; die EU-Kommission hat 2017 in einer
Grundsatzentscheidung den zulässigen Zusatz von Zucker und Süßungsmitteln in subventionierten
Schulmilchen auf „Null“ gesetzt, überlässt es aber den nationalen Behörden, welche Ausnahmen sie
zulassen wollen2 – hier appellieren wir an die Landesregierungen NRW und Berlin/Brandenburg, im
Sinne der Kindergesundheit keine zuckergesüßten Ausnahmen zuzulassen. Auch die Deutsche Ge-
sellschaft für Ernährung empfiehlt in ihren Qualitätskriterien für die Schulernährung ausschließlich
den Verzehr ungezuckerter Milchprodukte3. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) setzt sich
seit Jahren dafür ein, dass diese Qualitätskriterien verpflichtend an Schulen umzusetzen sind.“
Prof. Dr. med. Matthias Blüher
Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft
„Milch ist ein Nahrungsmittel und kein Getränk. Wir leben nicht mehr in der Nachkriegszeit. Schul- kinder in Deutschland brauchen keine zusätzlichen Kalorien – sie brauchen eine gesunde Ernährung, und um das in der Schule zu demonstrieren allenfalls zusätzliches regionales, saisonales Obst.“ Dr. med. Roswitha Dickerhoff Kinderärztin, Hämatologin; Konsiliarin in der Praxis Prof. S. Eber München; ehemals Universi- tätsklinikum Düsseldorf
„Der kürzlich veröffentlichte 2. Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts
(KIGGS-Studie) zeigt beklemmend auf, dass die Zahl der übergewichtigen oder gar adipösen Kinder
mit 15 Prozent auf hohem Niveau verharrt, der Anteil betroffener Kinder aus sozial benachteiligten
Bevölkerungsschichten sich seit der ersten Erhebung verdreifacht hat. Bei diesen Kindern greifen ver-
haltenspräventive Ansätze bekanntlich nur schlecht, es sind verhältnispräventive Maßnahmen im Le-
bensraum dieser Kinder erforderlich. Ungesüßte Schulmilch ist eine solche erfolgversprechende
Maßnahme.“
Dr. Thomas Fischbach
Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte BVKJ e.V.
und Kinderarzt in Solingen
1 http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0005/270716/Nutrient-children_web-new.pd
2 Delegierte Verordnung (EU) 2017/40: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32017R0040&from=DE
3 https://www.schuleplusessen.de/fileadmin/user_upload/medien/DGE_Qualitaetsstandard_Schule.pdf
Empfehlungsschreiben zum Schulmilchprogramm in NRW | September 2018 | Seite 2 von 4
„Kakao bedeutet keinen wirklichen Mehrwert für die Ernährung. Kakao enthält nichts, was wir nicht
durch andere Quellen ebenfalls meist sowieso schon ausreichend zu uns nehmen, dazu kommt aber
eine Portion Zucker, die keinesfalls benötigt wird. Weiterhin findet mit Kakaogetränken auch eine Ge-
schmacksprägung statt, indem die Milch und ihr Eigengeschmack in Richtung Süß und Schokolade
geprägt wird, was auch ein Lernverhalten der Kinder bedeutet, das ggf. auch im späteren Leben be-
dient werden will. Der Eigengeschmack der Milch wird übertüncht.“
Dr. Marcus Heidemann
Sprecher der Bielefelder Kinder- und Jugendärzte
„Wir als Eltern wünschen uns im Lebensraum Schule, dass unseren Kinder ein gesundes und vollwer- tiges Nahrungsangebot für den Schultag unterbreitet wird, welches durch ein Lernangebot in Bezug auf Ernährung, wie z.B. durch Schulküchen ergänzt werden sollte. So kann Schule sinnvoll dazu bei- tragen eine gesunde Ernährung von Kindern dauerhaft zu fördern und bis ins Erwachsenenalter hin- ein zu prägen.
Dazu erhoffen wir uns, dass immer mehr Schulen den Weg zu einer kostenlosen Versorgung der Kin- der mit Wasser, z.B. über Trinkwasserspender übergehen. Dies unterstützt die Kinder nicht nur dabei, ihren Durst zu löschen, sondern trägt durch den Gebrauch von Mehrwegflaschen auch noch dazu bei, Nachhaltigkeit zu lehren und Verpackungsmüll zu minimieren. Die Investitionen des Landes soll- ten daher eher in diese Richtung zielen, als gezuckerte Milchprodukte zu subventionieren.“
Dr. Christina Herold Vorsitzende der Landeselternkonferenz NRW
„In den 60er Jahren hat es sicherlich Sinn gemacht, den damals ‚schmächtigen‘ Kindern eine preis- reduzierte, energie- und nährstoffreiche Pausennahrung zukommen zu lassen. Aber heute benötigen Kinder und Jugendliche kein energiehaltiges Pausengetränk. Leider ist es inzwischen eine reine Mar- ketingmaßnahme, um den Milchabsatz zu erhöhen – und da kommen zuckergesüßte Milchmischge- tränke offenbar besser an, als reine Vollmilch.
Neben zuckergesüßten Erfrischungsgetränken tragen auch zuckergesüßte Milch-Mischgetränke zur Überernährung unserer Kinder und Jugendlichen bei und erhöhen das Risiko, bereits frühzeitig im Leben übergewichtig zu werden – mit gravierenden Folgen für die langfristige Gesundheit." Prof. Dr. Helmut Heseker Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit der Universität Paderborn, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)
„diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe hat im Jahr 2016, gemeinsam mit der International Diabetes Federation, in Brüssel bei der EU-Kommission dafür plädiert, zukünftig keine gezuckerte ‚Schulmilch‘ mehr zu subventionieren. Wir waren erfreut zu erfahren, dass die EU-Kommission ab 2017 den zu- lässigen Zusatz von Zucker und Süßungsmitteln in ‚Schulmilch‘ auf ‚Null‘ gesetzt hat (Delegierte Verordnung (EU) 2017/40). Allerdings obliegt es nun den zuständigen Stellen der Mitgliedstaaten, festzulegen, welche Produkte mit max. 7% Zuckerzusatz erlaubt sein sollen. Wir sehen einen großen Durchbruch für die Prävention von Kinderübergewicht und Diabetes Typ 2 in Deutschland darin, dass nach der Übergangsregelung im Schuljahr 2017/2018 nach Recherchen von foodwatch nun ab dem Schuljahr 2018/2019 Dreiviertel der zuständigen Behörden der Bundesländer der richtungs-
Empfehlungsschreiben zum Schulmilchprogramm in NRW | September 2018 | Seite 3 von 4
weisenden EU-Entscheidung folgen und Zuckerzusätze für Schulmilch unterbinden. Wir plädieren ge- meinsam mit foodwatch an Berlin/Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen, baldmöglichst nachzuziehen und keine gesüßten Milchprodukte mehr an Minderjährige abzugeben.“ Dr. Jens Kröger Vorstandsvorsitzender diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe
„Es ist nicht der richtige Weg, Kinder über die Schulmilch an gesunde Ernährung heranzuführen. Wenn wir dem Kind gezuckerte Milchmischgetränke anbieten, dann sind wir im selben Segment, das auch am Nachmittag auf den Kinderfernsehkanälen beworben wird. Schlechte Ernährungsgewohn- heiten kann man auf diese Weise kaum ändern. Es ist auch kein gutes Argument, dass gezuckerte Milch immer noch besser sei als Limonade. Denn wenn es nur darum geht, über ein Getränk ein bisschen Kalzium zu bekommen, kann man mit demselben Argument einem Colagetränk Kalzium zusetzen. Der Kalziumbedarf lässt sich auf vielen Wegen durch eine ausgewogene Ernährung de- cken.“ Prof. Dr. med. Alfred Längler Leitender Arzt der Abteilung für Kinder und Jugendmedizin und Ärztlicher Direktor am Gemein- schaftskrankenhaus Herdecke
„Wissenschaftliche Forschungen belegen, dass das Kariesrisiko deutlich mit der Frequenz der Zu- ckeraufnahme zusammenhängt. Deshalb sollte auf zuckerhaltige Zwischenmahlzeiten oder Getränke verzichtet werden.“ Prof. Dr. Dietmar Oesterreich Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer
„Gemäß einer WHO-Empfehlung sollten nur maximal 5 Prozent der Nahrungsenergie als Zucker auf- genommen werden. Dies kann nur erreicht werden, wenn konsequent auf unnötige Zucker-Quellen verzichtet wird. Gezuckerte Milchprodukte sind entbehrlich, weshalb deren Förderung beendet wer- den sollte. Süße Milchprodukte, zum Beispiel für Desserts, sollten stattdessen mit Obst gesüßt wer- den.“ Prof. Dr. Volker Peinelt Mönchengladbach; ehemaliger Hochschullehrer an der Hochschule Niederrhein, Fachbereich Oecotrophologie, zuständig für den Bereich Catering-Services mit dem Schwerpunkt Schulver- pflegung
„Zucker ist nicht nur ‚leere Energie‘, also Kalorien ohne Mineralien, Vitamine und Mikronährstoffe, sondern verführt durch seine Süße auch zum Überkonsum. Die Glucose unterstützt dann die Fettsyn- these und die Fruktose gezielt die Leberverfettung und Harnsäureproduktion. Obwohl Glucose der ‚Treibstoff‘ des Körpers ist, wirkt er im Zucker bei Überkonsum zusammen mit dem Fruchtzucker be- sonders ungünstig. Dabei sind komplizierte Mechanismen am Werk (siehe www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29602522), die vor allem der effektiven Energiespeicherung unter knapper Nahrungsverfügbarkeit dienen, die in unserer Vorgeschichte überlebensnotwendig war.“ Univ. Prof. Dr. med. Andreas Pfeiffer Direktor der Abteilung Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin der Charité und der Abt. Klinische Ernährung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke
Empfehlungsschreiben zum Schulmilchprogramm in NRW | September 2018 | Seite 4 von 4
„Mehrere Langzeit- und Interventionsstudien zeigen übereinstimmend, dass der Verzehr von Geträn- ken mit Zuckerzusatz zu Übergewicht im Kindesalter führt. Daher sind ungesüßte Getränke das Ge- tränk der Wahl im Kindesalter und wird daher von allen Fachgesellschaften empfohlen, während zu- ckerhaltige Getränke gemieden werden sollten.“ Prof. Dr. Thomas Reinehr Chefarzt der Abteilung für Pädiatrische Endokrinologie, Diabetologie und Ernährungsmedizin, Vestische Kinder- und Jugendklinik der Universität Witten/Herdecke
„Das Land NRW wäre gut beraten, das Schulmilchprogramm auf nicht gezuckerte Milch zu reduzie- ren, so wie es bereits 13 andere Bundesländer gemacht haben. Von dem eingesparten Geld könnte zum Beispiel der Programmteil ‘Schulobst- und Gemüse’ erweitert werden, so dass deutlich mehr als 1000 Schulen teilnehmen können. Unsere Kinder und Jugendlichen sollten in den Kitas und den Schulen eine gesunde Ernährung angeboten bekommen.“ Dorothea Schäfer Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW
„Überzuckerte Getränke können kein vollwertiges, gesundes Frühstück ersetzen.
Ich finde es durchaus lobenswert, dass die Landesregierung auch weiterhin dazu beitragen will, dass Kinder, die ohne ein Frühstück zur Schule kommen, dort die Möglichkeit erhalten, zu einem für die meisten Eltern finanzierbaren Preis etwas zu sich zu nehmen. Aber muss es unbedingt eine Zucker- bombe sein?
Gesunde Ernährung ist Teil des Unterrichts an Grundschulen. Was man lehrt, sollte man auch
(vor-)leben. Deshalb sollte ein Konzept erarbeitet werden, das durch Information und Sensibilisierung
für das Thema dazu beiträgt, dass weniger Kinder ohne Frühstück in die Schule gehen müssen. Dar-
über hinaus könnte man darüber nachdenken, ob es nicht andere Produkte gibt, die in solchen Fäl-
len den Kindern eine gesunde und leckere Alternative bieten. Schließlich haben wir auch eine Ver-
antwortung für ihre Gesundheit.“
Sarah Wanders
Vorsitzende junge lehrer nrw
Veröffentlicht von: foodwatch e.V. Brunnenstr. 181 D-10119 Berlin