NRW, 01.10.2022
Bildungskrise mit ankuendigung 2022 10 23 v01f
Dachverband der Stadt- und Kreisschulpflegschaften
Mobil: 0157-36583728 Email: vorstand@lek-nrw.de
PM: Bildungskrise mit Ankündigung – Wer wundert sich ernsthaft?
Vor kurzem wurde der IQB-Bildungstrend 2021 veröffentlicht, der im Auftrag der
Kulturministerkonferenz die Kompetenzen der Kinder der vierten Klassen erfasst. In
Vergleich zu 2016 zeigt sich ein deutlicher Leistungsrückgang in den Bereichen
Zuhören, Lesen, Orthografie und Mathematik, ein weiteres Auseinanderklaffen der
Bildungsschere zwischen Kindern aus privilegierten und sozioökonomisch
benachteiligten Familien und ein stark unterdurchschnittliches Abschneiden von
NRW. Dies alles überrascht Eltern nicht!
Wer die Schuld allein in den Einschränkungen während der Corona-Zeit oder in den
Problemfeldern Migration und Inklusion sieht, macht es sich zu einfach. Natürlich ist
es eine Herausforderung im Gemeinsamen Lernen zu unterrichten und mit Kindern
zu arbeiten, die von ihren Familien - mit und ohne Migrationshintergrund - nicht in
angemessener Weise auf die Schule vorbereitet und Tag für Tag begleitet werden
können. Inklusion und Integration werden nicht ohne zusätzliche Ressourcen
gelingen. Die Schulen brauchen einerseits Räume und eine zeitgemäße digitale
Ausstattung, andererseits genügend Personal. Dies gilt insbesondere in den
Brennpunkten, wo sonst immer mehr Lehrkräfte aufgeben und Bildungsstandards
endgültig nicht mehr erreicht werden können.
Das Problem in NRW ist, dass die aktuellen Herausforderungen auf ein seit
Jahrzehnten im bundesweiten Vergleich unterfinanziertes Schulsystem treffen. Lange
wurde ein Ausweg darin gesucht, mithilfe von nicht evaluierten pädagogischen
Experimenten das Lernen vermeintlich zu erleichtern. Tatsächlich hat dies meist
dazu geführt, dass Kinder ohne häusliche Unterstützung noch weiter abgehängt
wurden. Daher sind wir sehr dankbar, dass die neue Schulministerin in NRW die
Ergebnisse des IQB zum Anlass nimmt, alles schonungslos auf den Prüfstand zu
stellen. Wir raten dabei, von den Erfahrungen Hamburgs zu lernen, das sich in den
letzten zehn Jahren deutlich verbessern konnte:
Kinder, die gefährdet sind, abgehängt zu werden, möglichst früh, schon in Kita und Grundschule in den Kernkompetenzen fördern;
Teilnahme an der Förderung verbindlich machen;
Maßnahmen regelmäßig evaluieren.
In der aktuellen Situation, in der viele Kinder und Jugendliche mit Defiziten zu
kämpfen haben, sei es in ihrer psychosozialen Entwicklung, sei es durch nicht
erlernten Schulstoff, sei es durch frische Zuwanderung ohne Deutschkenntnisse,
muss zusätzliche Förderung auch an weiterführenden Schulen stattfinden. Damit sie
passgenau ist, sollte die Förderung durch Lehrkräfte der Schule erfolgen. Auch die
leistungsstärkeren Kinder und Jugendlichen dürfen nicht vergessen werden. Ihnen
können z.B. Angebote zum Peer-Learning gemacht werden. Die Aufgabe ist aber
insgesamt so groß, dass die Schulen sie nicht allein bewältigen können. Es bedarf
einer gemeinschaftlichen Anstrengung aller Beteiligten. Auch die
Ausbildungsbetriebe des dualen Systems sowie die Hochschulen müssen sich mit
der Situation auseinandersetzen und Wege finden, bei der Bewältigung zu helfen.
Dachverband der Stadt- und Kreisschulpflegschaften
Mobil: 0157-36583728 Email: vorstand@lek-nrw.de
Vor allem aber bedarf es einer Entlastung der Lehrkräfte, damit sie sich auf ihren
Unterricht konzentrieren können. Die administrativen Aufgaben nehmen zu. Doch
statt den Schulen entsprechende Fachkräfte an die Seite zu stellen, wurden in vielen
Kommunen Sekretariatsstellen zusammengestrichen. Eine Verstetigung der
Schulsozialarbeit - wie von der LEK NRW und weiteren Verbänden schon vor dem
ersten großen Flüchtlingszuzug im Jahre 2005 gefordert - steht immer noch aus.
Lernen funktioniert nicht ohne Zeit zum Üben. Dieses findet immer häufiger im
Rahmen des Ganztags statt. Ein entscheidender Faktor, um die Bildungsschere
wieder zu schließen, ist eine enge Verzahnung von Schule und Ganztag, damit auch
Kinder aus weniger privilegierten Familien eine passgenaue Hilfe erhalten. Dies
gelingt bislang vor allem im gebundenen Ganztag, da hier der Nachmittag nicht von
einem anderen Träger verantwortet wird. Zusätzliches Personal für solche
nachrangige pädagogische Unterstützung kann durch Fort- und Weiterbildung von
bereits in der Schule in Betreuung und Lernbegleitung tätigen Personen generiert
werden. Klare Rahmenkonzepte würden für Verlässlichkeit sorgen und den
Beschäftigten eine berufliche Perspektive eröffnen. Die dann entstehenden
Synergien wären noch größer, wenn man auch Eltern als Partizipationspartner
einbezöge.
Nur durch stete Evaluation lässt sich eine Flickschusterei mit immer neuen
Förderprogrammen verhindern. Wie wichtig dies ist, sehen wir aktuell an dem
Programm „Aufholen nach Corona“, dessen Mittel mancherorts verpuffen, wenn sie
in einer Weise eingesetzt werden, von der die Kinder nicht profitieren.
Dabei muss klar sein, dass nicht wieder eine Legislaturperiode verstreichen darf,
bevor in den Schulen ein Mehrwert ankommt. Die Kinder und Jugendlichen brauchen
jetzt Unterstützung. Gelingen wird dies nur, wenn unter Verzicht auf das übliche
Zuständigkeits-Pingpong ein Konzept aus einem Guss die Verantwortung für Schule
übernimmt.
Vorstand LEK NRW Dortmund, 23. Oktober 2022